Die Lebensgeschichte der drei Thieles

Die Butjadinger Schifferfamilie

Gustav und Georg Thieles Vater war Kahnschiffer in Fedderwardersiel in Butjadingen. Seine Sorge galt seiner Frau, den sieben Kindern und seinen Eltern. Deren einzige Sozialversicherung war ein Frachtkahn, den sie ihrem Sohn mit den Worten vererbten: „So mien Jung, du büst nu versichert für dien ganz Leben." Der Lebensunterhalt war auch zunächst gesichert durch Frachtfahrten über die Außen- und Unterweser nach Bremen. Der älteste Sohn Hinrich (* 1872) half seinem Vater als Schiffsjunge. Trotz des harten Broterwerbs behielt Vater Thiele seine ihm angeborene Liebe zur Musik, und in Mussestunden spielte er gerne im Kreise seiner Familie auf der Handharmonika. Eines Tages lag im heimatlichen Hafen ein englischer Kutter. Die kleine Besatzung musizierte in ihrer Freizeit an Deck. Das begeisterte die Thielesche Großfamilie, und Großmutter, die das Leben im Hause bestimmte, urteilte: „Dunnerweer, dat weer wat! De maakt is moie Musik, dat hett mi gefulln! Wie schön, wenn wi dat ok kunnen."

Familie Thiele

Die Friesenknabenkapelle

Großmutters Wort galt, und bei der nächsten Reise nach Bremen erstand der Vater für drei Söhne zwei Geigen, eine Flöte und Kastagnetten. Der Zollbeamte am Hafen, ein ehemaliger Militärmusiker, unterwies das Quartett im Spielen ohne Noten, und die „Friesenknabenkapelle", wie sie bald hieß, war geboren: Vater mit der Handharmonika, der Älteste, der Jungschiffer Hinrich, mit der Geige, Sohn Gustav (*1877), der später die Gartenskulpturen schuf, mit der Flöte, Sohn Fritz (*1880), klapperte den Rhythmus mit den Kastagnetten und verstand auch das Geigenspiel. Das war im Jahre 1888, und Georg, der späKunstmaler vom Mecklenburger Weg, war erst zwei Jahre alt. Diese „Naturkapelle", wie sie auch genannt wurde, brachte Melodien, die ihnen ins Ohr gingen, auf ihre Weise dar, nach ihrem angeborenen Empfinden - unbekümmert - durch schulische Theorie unbelastet. Stücke, deren Namen sie nicht kannten, benannten sie anschaulich nach den Gelegenheiten, bei denen sie jene zum ersten Mal gehürt hatten. Die flotte Weise, die bei ihrem Zirkusbesuch den Auftritt der Pferde so rhythmisch begleitete, war „De Peermarsch", der Dreivierteltakt, der von einem Passagierdampfer auf der Weser zur Zeit der Korrektion des Flusses zum Schiffer und zu seinem Jungen hinüberwehte, hieß bei Vater Thiele „De Korrektionswaker". Im Winter, wenn Eis und Sturm die Schiffe im Hafen festhielten, übten die „Friesenknaben" besonders fleißig. Dann verharrten die Leute vor Thieles Haus, hörten zu und ermunterten das Quartett zu einem Auftritt. Dazu bedurfte es einer Genehmigung, die eine Jury nach dem Vorspielen den Vieren erteilte. Inzwischen war ihr Programm auf 107 Stüangewachsen, vom damals viel gespielten „Mama, der Mann mit dem Koks ist da..." bis zu Melodien aus dem „Vogelhändler" und der „Fledermaus".

Umzug nach Bremerhaven

In dieses selbst bestimmte Leben fiel für die Familie eine schwere Entscheidung. Im Konkurrenzkampf mit der Schiene und behindert durch den Bau des Leitdammes nach Langlütjen, der damaligen Marinebefestigung in der Wesermündung, musste die Butjadinger Frachtschifffahrt nach Bremen aufgeben. Vater Thiele verkaufte im Jahre 1891 Schiff, Haus und Grundstück und zog nach Bremerhaven. Dort fand er am Überseehafen Arbeit als Küper, also als Warenkontrolleur, der Versand- und Begleitpapiere erstellen und prüfen musste, Ein- und Ausfuhrgüter am Schiff oder Lager in Empfang nahm, diese durch Entnahme von Proben kontrollierte und für die Lagerung der Guter sorgte. Sein ältester Sohn wurde, als ehemaliger Kahnschiffer in der Führung kleinerer Wasserfahrzeuge erfahren, Schlepperfahrer. Neben gewohnter harter, jetzt fremdbestimmter Arbeit lebte die Freude am Musizieren und bildnerischen Gestalten weiter. Gustav und Georg hatten schon als Kinder mit reger Phantasie Figuren aus Papier geschnitten und aus Holz geschnitzt. Künstler wollten sie einmal werden, Georg Maler und Gustav Bildhauer.

Vom Bildschnitzer zum Geiger

Der zehn Jahre ältere Gustav stand 1891 in Bremerhaven vor der Berufswahl und ging zu einem Holzschnitzer in die Lehre. Doch die Dampfschifffahrt verdrängte mehr und mehr die Großsegler von den Meeren, und für Galionsfiguren, die sonst meist gefragten Schnitzarbeiten in der Seestadt, war am Vordersteven der Steamer kein Platz vorgesehen, Gustav musste sich nach einem anderen Broterwerb umsehen und wollte nun Geiger werden. Die resolute Großmütter ging mit Gustav zum Dirigenten des damaligen privaten Theaters in der Deichstraße und fragte, da sie kein Hochdeutsch konnte: „Köönt se Plattdüütsch snakken?" - Ja, das konnte er! - Der Enkel wurde angenommen, trat als „Lehrling bei der Bremer- havener Theater-Capelle ein" und wurde „am 1. Februar 1896 mit gutem Zeugnis entlassen" (Lit. 3L). Die beiden Brüder wollten ihre Künste einmal unbeschwert als Steckenpferd betreiben. Das Geld dazu mussten sie sich erarbeiten.

Geburt der Venus
Die Sitzende

Die Fotografen Georg und Gustav

Georg ging nach der Entlassung aus der Schule am 17. April 1900 in eine Fotolehre, und nachdem Gustav sich ein Jahr lang ebenfalls im Fotografieren hatte unterweisen lassen, gründeten beide nach Georgs Lehrabschluss mit finanzieller Hilfe der Eltern im Jahre 1904 in der Hafenstraße (gegenüber der Firma Kistner) ein Fotogeschäft „als milchgebende Kuh" (Gustav Thiele). Sie entwickelten eine besondere Fähigkeit im Kolorieren von Vergrößerungen, eine Technik, die unerwartet guten Verdienst abwarf. Nach einem Jahr konnten sie den Eltern das Geld zurückgeben und sich 1911 ein Haus in Burglesum bauen. Dorthin zogen sie nun und glaubten, ausgesorgt zu haben. Ihre Firma hatten sie mit wenig Glück in fremde Hand gegeben und mussten sie deswegen - etwa nach einem Jahr - wieder übernehmen. Dann kam der 1. Weltkrieg und beide wurden Soldat. Das Geschäft mussten sie schließen. Georg verschlug es nach Palästina, wo er trotz der Kriegs- wirren Zeit und Muße fand, vierzig Aquarelle zu malen, „Aus dem Felde zurückgekehrt" eröffneten die beiden Brüder wiederum ihr Fotoatelier in der Hafenstraße.

Grundstückskauf und Landwirtschaft am Mecklenburger Weg

Der gute Geschäftsgang erlaubte im Jahre 1923 den Erwerb eines 6000m² großen Stück Landes am Mecklenburger Weg. Das geschah durchaus noch nicht in der Absicht dort einen Skulpturenpark zu errichten, sondern in so oft bewährtem Familiensinn, dem ältesten Bruder, Vaters ehemaligem Schiffsjungen, Land für eine Bauerei zu überlassen. Eine Haushälterin vom Lande fand sich bald, und zwei Kühe, vier Schweine, Hühner und Schafe belebten Stall und Weide. Doch die eine Kuh gebärdete sich mehr wie ein wütender Bulle, und Nachbarn mussten das eigensinnige Tier beim Melken halten. Der Sachverstand der Dörflerin und Bruder Hinrichs in Fragen des Feldbaues war mangelhaft. So sprossen aus vermeintlicher Runkelrüben- saat rote Beeten. Der Mut zu Ackerbau und Viehzucht schwand bald dahin, doch der kurze Irrweg führte die Thieles in der damaligen Öde Leherheides auf ein Feld, auf dem sie besser zu ackern verstanden.

Die Gründung des Skulpturenparks

Gustav hatte in seiner Werkstatt aus Gips kleinere Skulpturen hergestellt. Das genügte ihm nicht. Er wollte lebensgroße Figuren aus Bronze und Marmor zum Schmuck von Park und Garten. Doch zu teurem Werkstoff fehlte das Geld, und so formte er seine Standbilder aus billigerem Material: das Grundgerüst aus Draht, dem er die Grundform aus Ziegelbrocken und Mörtel zufügte, die Außenhaut aus einer selbst entwickelten, besonders wetterfesten Zementmischung. Ein weißer Anstrich ersetzte ihm den Ausdruck des Marmors, bronzene Farbe den Schimmer des Metallgusses. Das Grundstück in der „Leher Haide", wie der heutige Ortsteil damals noch hieß, sollte nach dem Irrweg in die Landwirtschaft der Garten werden, der die Skulpturen aufnahm. Deshalb war der Umzug dorthin erforderlich. Das dort stehende alte Haus musste gründlich renoviert werden. Für Handwerkerlöhne fehlte das Geld, und so beförderten die beiden Brüder mit ihren FahrräBaumaterial zum Mecklenburger Weg, um sich dort ein wohnliches Heim einzurichten.

Georg Thiele
Teich

Die Künstler und ihr Modell

In jenen zwanziger Jahren wohnte in der Leherheider Nachbarschaft eine aufgeweckte, heranwachsende junge Dame, Grete Itzen, die sich ihren Lebensunterhalt durch selbst erlerntes Nähen verdiente und sich mit Vaters altem Fotoapparat zusätzliche Einkünfte verschaffte. Ihr waren schon länger die beiden schwer schleppenden Radfahrer aufgefallen. Nun hörte sie, dass es die Fotografen Gebrüder Thiele seien, „die von der Friesenknabenkapelle", wie der aus Atens in Butjadingen stammende Vater sagte. An diese wandte sie sich mit der Bitte um Unterweisung in der Lichtbildkunst, und aus der gern gewährten Hilfe für die junge Fotografin und den von ihr freudig aufgenommenen Ratschlägen erwuchs ein gegenseitiges Interesse an der Arbeit des anderen und eine starke Zuneigung zwischen Grete und Georg, die zu ihrer Eheschließung im Jahre 1929 führte. So war die Autodidaktin Grete auf die Autodidakten Gustav und Georg gestoßen. Der Maler und der Bildhauer fanden in der hübschen jungen Frau ihr Modell. Es begann eine Zeit ideenreichen Schaffens. In unbekümmerter Begeisterung formten sie Bild, Skulptur, Haus und den schließlich auf 19.000 m² erweiterten Garten.

Grete, die Malerin

Grete Thieles Begabung als Malerin wurde erst nach dem Kriege offenbar, als sie ihrem Manne beim Skizzieren half. Ihre Erfolge beim Besuch der Kunstschule in Bremen gaben ihr den Mut, Landschaften und Porträts zu malen, Arbeiten, die besonders gerne von Amerikanern genommen wurden und den drei Künstlern Mittel in die Hand gaben, die Vorwährungszeit durchzustehen und auch noch Jahre danach Haus und Garten ausbauen und halten zu können.